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Manfred Lütz – Irre! Wir behandeln die Falschen

irre Eine Kommilitonin meinte mal, dass 95% der Menschen einen Schaden haben. Ihre These kann ich nur unterstützen und bereits vor meinem Psychologiestudium beschlich mich des öfteren der Gedanke, dass alle nicht ganz “normal” seien. Manchmal war es mir, als sei ich der eigentliche “irre” und das Tollhaus, die Gesellschaft rund um mich herum, sei der ganz normale Wahnsinn. Doch dies ist natürlich nur eine humorvolle Betrachtung. In Tat und Wahrheit sehe ich mich kerngesund, ich leide nicht. Obwohl schizophrene oder manische Personen auch völlig davon überzeugt sind “normal” zu sein. Muss ich mir jetzt sorgen machen?

Manfred Lützes Buch geht genau in die Richtung der Betrachtung zwischen “normal” und “irre”. Dabei vertritt er schlicht die provokante These, dass die Normalität eigentlich zu behandeln sei. Seine schon fast anmassend klingende Aussage untermauert er Anfangs mit sehr viel Humor. Im Weiteren beschreibt er einiges zur Geschichte der Psychiatrie und beleuchtet in unserer Gesellschaft oft missverstandene psychische Krankheiten. Objektiv und professionell geht er mit dem Thema der Medikation um. An vielen sehr unterhaltenden Beispielen zeigt er wie Personen behandelt werden und, dass diese eigentlich ganz liebenswerte Leute sind, mit denen man ganz gut zurecht kommt, wenn man etwas Geduld aufbringt.

Dieses Buch ist interessant für all jene Leute, die nicht wissen was die Psychiatrie ist. Es half mir persönlich viele Vorurteile ab zu bauen. Denn nicht nur der  Psychologie gegenüber sondern vor allem gegenüber Psychiatrie gibt es noch sehr viele Vorurteile. Eine psychische Krankheit ist in unserer Gesellschaft noch nicht als Krankheit akzeptiert sondern die Betroffenen werden oft stigmatisiert.

Als Leser muss man sich jedoch immer vor Augen halten, dass dieses Buch als populärwissenschaftlicher Kassenschlager konzipiert wurde. So werden die provokanten Thesen immer wieder gebetsartig wiederholt. Diverse Interviews mit Manfred Lütz  lassen sich inhaltlich praktisch gar nicht mehr unterscheiden. Trotzdem find ich es ein gelungenes Werk, denn gegen die Vermarktung guten Humors habe ich nichts einzuwenden.

Autor: Manfred Lütz
ISBN-13:
978-3579068794, 208 Seiten

2 Comments

  1. Alexander wrote:

    Ist es nicht auch eine Frage der Definition? Was ist eigentlich normal? Ist denn die Norm normal? Was ist eigentlich die Norm? Der Durchschnitt? Der Modus? Kann sich die Norm verändern, wenn sich gesellschaftliche Normen ändern?

    Vergessen wir bitte auch nicht, dass jeder Mensch krank werden kann. Das heisst allerdings nicht, dass er krank ist. ;-)

    Das Wort Schaden empfinde ich im übrigen verletzend. Passender wäre Tick oder Mode. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und legt sich im laufe seines Lebens solche Moden zu.

    Sunday, November 15, 2009 at 14:37 | Permalink
  2. Markus Graf wrote:

    Da geb ich dir absolut recht, Alexander. Es ist eine Definitionsfrage. Doch wenn jemand seine Definition nicht explizit kommuniziert, wird als normal, sozusagen der Median oder zumindest das arithmetische Mittel aller vorherrschenden Verhaltensweisen angenommen. Jeder hat da seine eigene Fehlertoleranz.

    Und ja, man geht natürlich immer von einem gesunden Menschen aus. Obschon man immer etwas findet, wenn man lange genug sucht. Gesund ist nur wer nicht gründlich genug untersucht wurde :-)

    Sunday, November 15, 2009 at 15:36 | Permalink

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