So oder ähnlich wird die plakative Aussage wahrscheinlich heissen, wenn die nächsten Tage nur noch ein braver Schweizer Bürger auf einem Zebrastreifen vor ein Auto rennt. Bereits werden erste Kampagnen ins Leben gerufen. Als kritisch denkender Mensch und der Statistik wohlgesonnen, betrachten wir das jedoch ganz nüchtern.
Wieviele Fussgänger sterben auf Schweizer Strassen ungeachtet dessen, ob sich der Unfall auf einem Fussgängerstreifen ereignet hat oder nicht? 2009: 80,2010: 75. Das ist nicht gerade viel, wenn wir bedenken, dass täglich 7 Millionen Schweizer Bürger meist als Fussgänger unterwegs sind. Zum Vergleich; 2009 erhängten sich 328 Bürger, insgesamt begingen 1105 Personen Suizid. In der Schweiz ist es also 14 mal wahrscheinlicher aus freien Stücken zu sterben als dass man als Fussgänger überfahren wird.
Intuitiv kommt jedoch das Gefühl auf, dass diese Häufung tragischer Unfälle auf Fussgängerstreifen überzufällig ist. Prinzipiell gibt es drei Mechanismen die uns eine solches intuitive Gefühl vermitteln.
- Der Mensch hat die Angewohnheit in aufeinanderfolgenden Ereignissen einen kausalen Zusammenhang zu sehen. Oft wird dies ausgedrückt als Anzahl Ereignisse, die in einer Zeitspanne passieren. Das Problem dabei ist, dass diese Betrachtung nichts über den Zeitpunkt dieser Ereignisse aussagt. Auch bei sehr kleinen Wahrscheinlichkeiten ist es nicht ausgeschlossen, dass diese kurz aufeinander folgen. Ein Zusammenhang ist damit noch nicht gegeben.

- Es gibt eine Verzerrung der Ergebnisse durch Ungleichheit in der Veröffentlichung. Nur weil sich die Presse momentan auf das Thema fokusiert, heisst das noch nicht, dass es solche Ereignisse in der Vergangenheit nicht auch regelmässig gegeben hat. Sie wurden nur nicht veröffentlicht. Das Problem im Fall der Unfälle auf Fussgängerstreifen ist, dass dies zu einem Problem hochstilisiert wird, dass sofort gelöst werden muss. Mit dieser Flut an Informationen über Tragödien verzerren die Medien aktiv unsere Vorstellung von der tatsächlichen Gefahr.
- Es bleibt die Frage, ab wann ein Ereigniss überzufällig auftritt. Statistisch lässt sich das schätzen, doch unsere Intuition stimmt meist nicht mit dieser überein. Betrachtet man die Anzahl der im Strassenverkehr getöteten Fussgänger, so können Werte die zwischen 73 und 99 liegen auch rein zufällig entstehen, mit einer Irrtumswahrscheinlichkeit von 5%. Wenn Beispielsweise im Jahr 2011 95 Fussgänger sterben würden, also 20 mehr als 2010, so scheint das zwar viel zu sein, über die Jahre gerechnet kann dieser Wert jedoch auch rein zufälllig entstehen.
Statistische Quellen: Bundesamt für Statistik Schweiz
Update:
Aus reiner Neugier fragte ich mich nun, wie den die Presse im Jahr 2010 bezüglich dieser Thematik ausgesehen hat und siehe da, was man da findet: “Zehn Unfälle in einer Woche! Das Risiko auf Zebrastreifen.“. Die Schlagzeile wirkt schon fast grotesk angesichts der sinkenden Zahlen, auch wenn natürlich 75 tödliche Unfälle absolut betrachtet zuviel sind, um diese Diskussion bereits vorweg zu nehmen.
One Comment
Zum Glück gibt es noch andere Menschen, die zu dieser Sache so ähnlich denken wie ich. Ich dachte schon, dass ich der Einzige bin.
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